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[21|07|2015]

Zum wissenschaftlichen Wirken von Prof. Dr. Volker Letzner


Prof. Dr. Volker Letzner war ein glühender Verfechter des Schutzes materiellen und immateriellen Kulturerbes und ein entschiedener Gegner der dritten Startbahn. Ein Ökonom mit weitem Blick in die benachbarten Disziplinen der Politikwissenschaften sowie der Philosophie. Die Identifikation von wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Handlungsfeldern, innerhalb derer die Produktion von Gütern und Dienstleistungen unter höchstmöglicher Effizienz und Produktivität ineffizient ist, war Kern seines wissenschaftlichen Wirkens.

Im Rahmen seiner Dissertation bei Prof. Dr. Karlhans Sauernheimer beschäftigte sich Letzner mit der Integrationstheorie und monopolistischer Konkurrenz. Kern seiner Arbeit war die Frage, unter welchen Bedingungen in verschiedenen Teilen der Welt reale Integrationsprozesse in Gang gesetzt werden, die die Bildung spezifischer Wirtschaftsregionen zur Folge hat. Entsprechend seines politikwissenschaftlichen Hintergrunds standen insbesondere institutionsökonomische Ursachen und die Überprüfung ihrer Ziel-Mittel-Optimalität im Mittelpunkt seiner Arbeit. Die Arbeit „Integrationstheorie und monopolistische Konkurrenz“ wurde 1997 veröffentlicht (vgl. Letzner, V.: Integrationstheorie und monopolistische Konkurrenz (Diss.), Wiesbaden: Gabler, 1997).

Letzner war nicht nur Wissenschaftler. Er war auch politisch aktiv bei den Grünen, schrieb Artikel gegen die dritte Startbahn (vgl. Letzner, V.: Contra: Werden 50% mehr Flieger über München kreisen? In: Fakultätszeitschrift Passport, Von der Zukunft der Region, Heft 05/12 S. 33) und unterstützte Wagnis, eine Genossenschaft, die ihre Mitglieder vorrangig durch eine sozial und ökologische verantwortbare und sichere Wohnungsversorgung in München fördert. Darüber hinaus war er als Prodekan der Fakultät ein aktiv gestaltendes Mitglied der Fakultät, das mitverantwortlich für eine Vielzahl von konzeptionellen und inhaltlichen Reformen zeichnete.

Im Herbst 2011 erhielt Letzner einen Ruf als Professor für Volkswirtschaftslehre, Tourismusökonomie sowie Statistik und Wirtschaftsmathematik an die Hochschule München. Hier fand er seine wissenschaftliche und berufliche Heimat. Er lebte den Beruf des Professors im Sinne der von Max Weber formulierten Berufung, die sich durch Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß auszeichnet.

An der Fakultät für Tourismus widmete Letzner sich unter anderem der Konzeptualisierung der Tourismusökonomie als Wissenschaft. Hierzu schrieb er im Passport 4/2011 „Tourismusökonomie ist diejenige Teildisziplin der interdisziplinären Tourismuswissenschaften, die sich mit volkswirtschaftlichen Fragen rund um den Tourismus beschäftigt (vgl. Letzner, V., Munz, S.: Quo vadis, Tourismusökonomie? In: Fakultätszeitschrift Passport, Zukunft, Heft 04/11 S. 10 – 13). Sie stellt die Frage nach der Funktionsweise, nach der Entwicklung und nach den gesamtwirtschaftlichen (positiven oder negativen) Wohlfahrtseffekten des Tourismus in der Destination/Region, in der Nationalökonomie und in der Weltwirtschaft; und sie versucht, tourismuspolitische Aussagen für die relevanten Entscheidungsträger der Branche zu stellen“ (vgl. Bausch, T., Letzner, V., Munz, S.: Potenziale für eine Tourismusentwicklung und deren regional-ökonomische Effekte eines potenziellen Nationalparks "Hochwald-ldarwald". Vertiefungsstudie zum Themenschwerpunkt Tourismusentwicklung für das Land Rheinland-Pfalz, Seeshaupt, München 2014 ). Konsequenterweise erschien die zuletzt 2014 aktualisierte Auflage seines Buches „Tourismusökonomie - Volkswirtschaftliche Aspekte rund ums Reisen“, in dem Tourismus als globales Phänomen mit seinen vielfältigen Auswirkungen auf Volkswirtschaften beschrieben und analysiert wird (vgl. Letzner, V.: Tourismusökonomie. Volkswirtschaftliche Aspekte rund ums Reisen, München: Oldenbourg 2014, 2. Auflage). Die touristische Destination wird hier als kleine Volkswirtschaft beleuchtet und Letzner analysiert mittels der touristischen Angebots- und Nachfragetheorie sowie der Allmendeproblematik, regionalökonomische und außenwirtschaftliche Aspekte.

Kernpunkt des wissenschaftlichen Wirkens Letzners stellte die Analyse tourismusökonomischer Komplexitäten und Externalitäten dar. Im Rahmen der Analyse tourismusökonomischer Komplexitäten widmete sich Letzner insbesondere den durch Tourismus ausgelösten Verteilungsproblematiken sowie der zunehmend akzeptierten und vor allem im touristischen Bereich realen Erkenntnis, dass es immer weniger rein private Güter (im ökonomischen, nicht im juristischen Sinn) gibt. D.h. Güter bei denen Kosten und Erträge durch die Nutzung des Gutes ausschließlich bei der nutzenden Person bleiben. Letzner argumentiert mit der gestiegenen Komplexität der technisch-ökonomischen Zusammenhänge, so dass positive und negative technische externe Effekte (= nicht-kompensierte Auswirkungen von Handlungen einer Person auf eine andere) überhand nehmen und die Existenz privater Güter von einer Regelerscheinung zu einer Randerscheinung gemacht haben. Aus seiner Sicht stehen touristische Destinationen und die Mobilitätsbranche im Zentrum einer Vielzahl von und durch sie verursachte positive wie auch negative Externalitäten, so dass der Tourismus noch stärker als andere Branchen mit der ‚Überwindung’ des privaten Gutes zu tun hat. Als zentrale Aufgabe der Tourismusökonomie formulierte er konsequenterweise für seine eigene Forschungsagenda, die Fachdisziplin sowie die Akteure den Anspruch, die damit einhergehenden wirtschaftstheoretischen und -politischen Herausforderungen nachhaltig in dem Sinne anzugehen, dass sämtliche Kosten von den Verursachern getragen werden, wohingegen Nutznießer positiver externer Effekte die Verursacher hierfür entschädigen.

Ein Feld, dem Letzners wissenschaftliche und persönliche Hingabe besonders galt, war der Bereich Kultur. Kultur im Sinne touristischer klassischer Attraktoren. D.h. nicht beliebig reproduzierbaren Attraktoren, sondern Attraktoren, die geerbt und in der Regel öffentliche Güter sind (bsp. Petersdom, Kilimandscharo, Bräuche, Feste etc.). Letzners wissenschaftliches Wirken zielte darauf ab, aufzuzeigen, dass in Zeiten des Massentourismus sich klassisch touristische Attraktoren häufig zu Allmendegütern wandeln, mit all deren Übernutzungs- oder gar Zerstörungssymptomen. Konsequenterweise setzte er sich neben dem Schutz von materiellen Kulturgütern durch UNESCO Konventionen für die Ratifizierung der 2003er UNESCO Konvention Immaterielles Welterbe ein (vgl. Letzner, V.: Materielles und immaterielles Kulturerbe: Herausforderungen für die touristische Attraktorentheorie am Beispiel Limes, in: Bezirk Mittelfranken durch Weinlich, E. (Hg.): Welterbe Limes und Tourismus, Geschichte und Kultur in Mittelfranken 2, Würzburg 2013, S 59 – 76). Neben seiner Leidenschaft sowohl für materielles als auch immaterielles Kulturerbe forderte sein Verantwortungsgefühl, dass er sich aktiv – sowohl wissenschaftliche als auch politisch - für die Ratifizierung der Konvention durch Deutschland und die Konkretisierung des Inventarisierungsprozesses einsetzte.

Volker Letzner verstand sich als Lehrender und Wissenschaftler, der seine Studenten und Studentinnen nicht nur mit seiner sprachlichen Eloquenz fesselte, sondern auch der Leichtigkeit komplexe Zusammenhänge, anschaulich und verständlich darzustellen. Dies stellte er nicht zuletzt durch das von ihm entwickeltes Buch „Test & Training Mathe, Logik, Statistik“ (2007) unter Beweis, in dem er Studierende ohne Affinität zur Mathematik mit einer Vielzahl an Beispielen aus dem Alltag mathematische Grundprobleme und ihre Lösung nahebringt.

Ein Professor, der seiner Berufung folgend, Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß in Lehre und Wissenschaft verband.

Autorin: Sonja Munz


Pubilkationen:
Eine Publikationsliste von Prof. Dr. Volker Letzner steht hier zum Download zur Verfügung.